BUCHCOVERREZENSION
Tutii EiskalteHoelle

DAVID LAMA –

Sein Leben für die Berge

Ob das so spannend ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. David Lama war eine Art Wunderkind im Kraxelsport. Leider ist er im vorigem Jahr verstorben, bei einem Lawinenabgang in Kanada und mit ihm auch noch seine zwei Begleiter. Ein tragischer Tod. Mit nicht mal 29 Jahren im Schlepptau. Die Herausgeber dieses Buches, Christian Seiler und Florian Klingler, waren, jahrelang, Wegbegleiter dieses jungen Mannes, der im Extremsport des Kletterns ein emporstrebender Stern war. Dessen „Karriere“ ihm schon durch seine Eltern in die Wiege gelegt wurde. Die Mutter war begeisterte Stromerin durch alle Kulturen dieser Welt und hat seinen Vater in Nepal kennengelernt, wo sie mehr sehen wollte, als was gerade vor der eigenen Haustür geschieht. Ist schon Wahnsinn, was so passieren kann. In seinem ersten Buch „High“, das erstmals 2010 erschien, beschreibt er so einige Schwierigkeiten, wie seine Eltern zusammen kamen. Seine ersten Schritte in Richtung Autobiografie bewegen sich doch erstmal in die Richtung, als er noch nicht einmal geboren war. So kann man auch mal anfangen. Vor allem, weil hier schon viele Vorurteile auftauchten, mit denen wir auch heute noch zu kämpfen haben. Gerade aus Österreich kamen doch so einige Gestalten, mit denen wir nicht wirklich klarkommen wollen. David Lamas Eltern jedoch konnten sich, trotz aller Widrigkeiten, durchsetzen. Und dann kam der kleine David. Mit drei Jahren auf dem Buckel klettert das kleine Wunderkind schon im nepalesischen Himalaya herum, da waren die dort heimischen Yaks völlig geplättet. Auch wenn viele Vertreter dieser Art heute zivilisiert eingemeindet, sprich Haustiere oder auch als domestizierte Friedvölker anzusehen sind, ein dreijähriges europäisches Kind ist denen wohl noch nicht untergekommen, das sich noch sicherer auf ihren Wegen herumtreibt, als die einheimischen Windelträger des Homo sapiens sapiens, die unter nepalesischer Flagge geboren wurden oder auch als sie selbst. Okay, manchmal wurde er auch getragen. Aber hier wurde der Grundstein gelegt. Seinen älteren Zeitgenossen immer hinterher hinkend, weil er zu jung ist, will sich David Lama immer wieder neu beweisen müssen. Das Kraxeln ist seine Leidenschaft. Keine Herausforderung ist groß genug für ihn. Aus der Leidenschaft wird die Profession für ihn. Je älter er wird, und das kann er nicht abwarten, versucht er, pro gelebten Tag doch zwei älter zu werden, damit er endlich das Alter erreicht, an internationalen Wettkämpfen teilnehmen zu können. Mit neun Jahren ist es dann soweit, das er sich national in Wettbewerben einbringt, die er komplett dominiert und das hält eine ganze Weile an, auch im Jahr 2005, ab dem er dann internationale Titel sammelt, wie andere Leute Briefmarken oder Münzen. Bis sein Traum geboren wird. Die Besteigung des Cerro Torre in Patagonien, Argentinien. Ein Traum aller führenden Alpinisten, diesen Berg im freien Gang zu bezwingen. Aber noch ist er nicht soweit. Im Gegenteil, eigentlich muss er noch viel lernen. Sein erster Versuch geht baden. Die beiden Herausgeber dieses bildgewaltigen Bandes haben das zweite Buch „Free“ aus dem Jahr 2013 von David Lama gleich mit dazu gepackt, in dem er dann seinen Weg beschreibt, weg von Wettkämpfen in den Hallen zum professionellen Klettern in der freien Natur. Er stellt aber nicht nur die Sonnenseiten heraus, auch die Schatten, die sein Leben doch stark verdüsterten, kommen hier zu Worte. „Free“ geht ziemlich kontrovers mit der Bergsteigerszene um, wobei er aber nicht nur andere Leute kritisieren möchte, sondern auch mit sich selbst ziemlich hart ins Gericht geht. Er ist zwar das Wunderkind des alpinen Kraxelns, das viele Dinge geschafft hat, das selbst erfahrenen Alpinisten verwehrt wurde, bleibt jedoch, nach anfänglichen Enthusiasmus und jugendlicher Selbstüberschätzung dann doch lieber auf dem Boden der Tatsachen, die ihm wertvolle Erkenntnisse mitteilen werden. „Free“ zeichnet seinen persönlichen Kampf auf, den er mit sich selbst führt. Hätte er das nicht gemacht, wäre er wohl nicht auf dem Gipfel angekommen, der als die Unmöglichkeit für alle Bergsteiger bis dahin gegolten hatte. Und Paolo Cognettis Empfehlung war für ihn nie eine Option. Den Gipfel eines Berges, den er in Angriff genommen hat, wollte er schon sehen. David Lama ist doch einen eigenen Weg gegangen. Manchmal auch im Alleingang, manchmal mit Unterstützung. Ein Leben, im wahrsten Sinne auf dem Grat. Viele seiner weiteren Schritte danach hat er auch noch dokumentarisch verewigt. Wie er an sich selbst gewachsen ist. Nur bevor er ein neues Buch schreiben konnte, ist er ja leider gestorben. Einige dieser Dokumente wurden dann hier noch angehängt, damit man den weiteren Werdegang David Lamas nachvollziehen kann. Was kann man dann noch sagen? Alles wäre verkehrt. Dem Verlag Penguin kann man jetzt Danke sagen, das diese Biografien wieder heraus sind, und den Herausgebern für die Arbeit, ein Leben in einem Extremsport, der ganz bestimmt nicht jedermanns Teil ist, doch detailgenau wiederzugeben.
(Penguin)

ISBN 978-3-328 – 60150 – 0 476 Seiten 26,00€ (D) 26,80€ (A)

P. COGNETTI – Gehen, ohne je den Gipfel zu besteigen – Feb. 2020